Die eigene Endlichkeit

Sich mit der eigenen Endlichkeit zu befassen ist in der Regel kein Thema in der Jugend. Es ist wohl öfter eher so, dass sich Menschen in ihrer geschätzten Lebensmitte erstmals darüber Gedanken machen, in der „Midlife Crisis“. Nun bin ich 41 Jahre auf dieser Welt und wurde aber bereits mehrfach vom Leben massiv mit der Tatsache konfrontiert, dass dieses Leben auch zu Ende gehen wird.

Das Ganze begann Mitte 2016 als ich vor lauter Schmerzen kaum noch laufen konnte. Nach einigen Untersuchungen und MRT konnte die Ursache auf einen angeborenen Gleitwirbel am unteren Ende meiner Lendenwirbelsäule eingegrenzt werden. Da der Wirbel schon ziemlich stark nach vorne gefallen war, drückte er mir Nerven ab, was mir unglaubliche Schmerzen verursachte. Einen Monat lang nahm ich morphinhaltige Schmerzmittel, die mich leider komplett „abschossen“. Ich konnte nur noch torkelnd laufen, habe teilweise beim Sprechen gelallt und meinem Mann oft Dinge drei- oder viermal erzählt, ohne mir dessen bewusst zu sein. Kurzum: der Zustand war für mich untragbar. Ich habe praktisch mein Leben lang Sport getrieben und Körperlichkeit und Bewegung spielen in meinem Leben eine zentrale Rolle. Zudem möchte ich geistig klar mein Leben leben. Daher war es für mich klar, mich operieren zu lassen.

Ich bekam im März 2017 eine Wirbelsäulenversteifung mittels Titanschrauben, -stäben und einem sogenannten „Cage“. Die Zeit danach war lang, hart und teilweise eine echte Tortur. Ich durfte erstmal 3 Monate überhaupt nichts machen und musste ein sehr enges Stützkorsett tragen. Danach 4 Wochen Reha, um dann Woche um Woche in mein Leben zurückzufinden. Nach ungefähr einem Jahr war ich wieder gut unterwegs. Die Ansage der Ärzte, aufzupassen und Dinge sein zu lassen, die mir Schmerzen verursachen hielt ich ein, begann aber auch wieder mit meinem Sport. Ich arrangierte mich nach und nach mit der Tatsache, eingeschränkt zu sein und bestimmte Dinge nicht mehr zu tun, die ich früher sehr genossen habe (Skifahren zum Beispiel).

Einige Zeit verging, bis ich quietschende Geräusche und komische Empfindungen aus meiner Ledenwirbelsäule vernahm. Ich ging in die Klinik zum Check und wurde wieder heimgeschickt, mit der Aussage, alles sei gut und „bombenfest“. Die Geräusche konnte dort aber keiner zuordnen. Einige Wochen später hatte ich vermehrt körperliche Einschränkungen. Ich kam wieder schlechter aus dem Bett hoch und hatte wieder Schmerzen. Eine erneute Kontrolle ergab das schier Unfassbare: Zwei der vier Titanschrauben waren durchgebrochen! Für mich brach zunächst meinme gesamte Welt zusammen. Noch einmal all das wieder durchzumachen, und das „sehenden Auges“! So war es dann auch – und es kam noch schlimmer!

Am 17.12.2017 wurde eine sogenannte Reposition durchgeführt. Die Schrauben und Stäbe wurden erneuert und es wurde noch ein zweiter Cage dazu eingesetzt. Nachdem ich aus der Narkose aufgewacht war ging es mir zunächst recht gut und ich war positiv gestimmt. Abends ging es mir dann aber schlechter, und am nächsten Morgen kam ein junger Arzt an mein Bett und sah mich sehr ernst an. Er stand am Fußteil meines Bettes und sagte mir, dass die Wund-Drainagen in den letzten Stunden immer wieder voll gelaufen seien und die Flüssigkeit keine Wundflüssigkeit sei, sonder „Liquor“. Ich schaute ihn mit großen Augen an und er meinte „Das ist Hirnwasser. Der Chefarzt kommt gleich zur Visite und wird Ihnen alles erklären. Stellen Sie sich aber bitte darauf ein, dass wir Sie direkt nach der Visite notoperieren müssen.“ Was?!?
Der Chefarzt kam und erzählte mir, dass bei der gestrigen OP versehentlich meine Hirnhaut angeschnitten worden sei (leider ein bekanntes OP-Risiko), dieser Schnitt aber gleich während der Operation noch genäht worden sei. Offenbar war die Naht in der Nacht undicht geworden, und so hatte ich über mehrere Stunden nahezu die Hälfte meines Hirnwassers verloren. Das Hirnwasser ist, laienhaft erklärt, dazu da, dass das sehr empfindliche menschliche Gehirn darin schwimmen kann und so gegen Erschütterungen geschützt ist. Knapp die Hälfte fehlte. Wow! Er sagte mir, dass ich jetzt sofort zur Anästhesie komme und dann nochmal operiert würde, um die „Dura-Leckage“ (so heißt das in der Fachsprache) ein für alle Mal sicher zu verschließen.
Ich fragte ihn, was das für Risiken und Folgen bedeutet und er entgegnete: „Fehlendes Hirnwasser kann zu einem Hirnschlag oder zu einer Lungenembolie oder ähnlichem führen. Das heißt, Sie dürfen sich nach dieser OP 3 Tage lang überhaupt nicht bewegen.“ Auch nicht den Kopf drehen. Überhaupt nicht!
Die Schwestern kamen schon rein, um mich hoch auf die OP-Etage zu bringen und ich bat noch kurz um die Möglichkeit, meine Mann anzurufen. Er war schon im Zug auf dem Weg zu mir und würde sonst nur ein leeres Zimmer vorfinden! Gottseidank erreichte ich ihn und wir klammerten uns im Schock für circa eine Minute über unsere Smartphones aneinander, nicht fähig zu klaren Gedanken. Dann ging es los.

Als ich aus dem Aufwachraum in mein Zimmer verlegt wurde, war mein Mann da. Er war immer für mich da, und ich habe gerade Tränen in meinen Augen, nur im Gedanken daran. Ich bin ihm so unendlich dankbar! Mir ging es nicht gut und wir haben versucht, uns irgendwie mit der Situation zu arrangieren. Im Viertelstundentakt kamen Ärzte zu mir und fragten, ob ich Kopfschmerzen hätte und wie es mir geht. Sie meinten, ich solle sofort klingeln, falls ich Kopfschmerzen bekäme. Sie würden mich dann direkt zum CT rollen, da das ein Hirnschlag oder dessen Vorbote sein könnte. Unheimlich!
So verbrachte ich Stunde um Stunde, Tag für Tag, in der Hoffnung, dass sich mein Hirnwasser möglichst gut von selbst wieder nachbildet und ich von Folgeschäden verschont bleibe.

In den ersten Tagen hatte ich viel, sehr viel, Zeit zum Nachdenken. Ich habe mein bisheriges Leben betrachtet. Stehe ich da, wo ich mich sehe? Bin ich glücklich? Zufrieden? Was will ich noch erreichen? Ich war auf eine seltsame Art voller Frieden. Ich konnte aus vollem Herzen und laut sagen: „Ja!“. Ich durfte schon so viel Schönes erleben und bin erfüllt von Dankbarkeit. Selbstverständlich fällt mir kmmer wieder etwas Tolles ein, mit dem ich auch 41 weitere oder noch mehr Lebensjahre füllen könnte. Aber ich war zufrieden und bin es auch noch. Interessanterweise habe ich eher um die Menschen in meinem Umfeld Gedanken gemacht als um mein eigenes Ende.

Ich hatte tagelang massive Nervenschmerzen und -irritationen und Kreislaufbeschwerden, kämpfte mich aber immer ein Stückchen weiter durch. Eigentlich hätte ich über Weihnachten schon zuhause sein sollen, was in diesem Zustand natürlich auch nicht möglich war. Am zweiten Weihnachtsfeiertag durfte ich dann endlich nach Hause. Eine wahre Lektion in Demut!

Heute, ein Jahr danach, habe ich den schwersten Teil hinter mir. Drei Monate zuhause im Stützkorsett, hunderte von Physio- und Krankengymnastikterminen, Disziplin, positives Denken und viel Geduld (, die ich dadurch gezwungen war zu lernen) haben dazu geführt, dass es mir heute besser geht als ich nach der Info des Schraubenbruchs oder der Hiobsbotschaft zu meiner Hirnhautverletzung zu erwarten gewagt hätte. Ich habe mich natürlich von noch mehr Aktivitäten verabschiedet (zum Beispiel vom Laufen, aufgrund der Druckbelastung) und höre noch besser in mich hinein. Ich nehme nicht mehr den Schmerz an sich als ultimatives Warnsignal, sondern reflektiere schon früher und wäge mit meinem eigenen Verstand und Gefühl ab, was mir gut tut und was nicht.

Dieser Blogpost ist jetzt schon echt lang, doch ich möchte, dass Ihr wisst, vor welchem Hintergund ich die Welt sehe. In meinen Augen habe ich (hoffentlich) schon einen Großteil der Lektionen einer „Midlife Crisis“ durch. Nicht freiwillig, aber sehr eindrücklich. Menschliche Körper sind fragil und verbrauchen sich mit der Zeit. Und von Zeit zu Zeit heißt es dann Abschied nehmen von alten Gewohnheiten, auch wenn es schwerfällt.
Das Leben und jeder einzelne Tag sind Geschenke! Es geht auch nicht darum, in der Vergangenheit zu leben, sondern aus jedem „Heute“ das Beste zu machen. Als die, die wir an diesem Tag sind, mit den Mitteln, die uns gegeben sind. Sagt den Menschen, die Ihr liebt, dass Ihr das tut und verabschiedet Euch immer richtig voneinander. Man weiß nicht, wann man geht. Ob ein Leben nach diesem hier kommt? Keine Ahnung! Aber ich lebe dieses so, als gäbe es kein zweites. Und wenn es doch weiter geht, dann ist das die Kirsche auf der Sahne auf meiner Torte!

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