Vom Ego

Inwieweit hängen eigentlich Hochsensitivität und Egoismus zusammen?
Ein häufiges „Feature“ von Hochsensibilität, das auch in der Presse immer wieder gerne als Aufhänger genommen wird, ist ja eine stark ausgeprägte Empathie. An dieser Stelle möchte ich gleich anmerken, dass das (um an den Automobilverkaufsjargon angelehnt zu bleiben) nicht zur grundsätzlichen „Basisausstattung“ einer HSP zählt. Das ist vielmehr ein „Paket“, also eine spezielle Kombination mehrerer Features, Modell „Connection“ oder so. Auf Veranstaltungen und in HSP Gruppen online habe ich auch schon viele Menschen erlebt, die den Anschein machten, beim Verteilen der Empathie irgendwie gerade anderweitig beschäftigt gewesen zu sein. Sind die dann wirklich nicht empathisch? Sind sie gefühlskalt? Egoistisch? Oder ist das irgendeine Art von Selbstschutz oder schlichtweg starker Fokus auf sich selbst aufgrund von Überreizung? Ich finde, das ist ein wirklich schwieriges Thema, über das man nur spekulieren kann. Deshalb erzähle ich Euch hier einfach ein wenig von mir:

Ich bin stur, willensstark und durchsetzungsfähig. Das war ich auch schon als Kind, was mir eines Tages ein von meiner großen Schwester gemaltes Schild an meiner Zimmertür einbrachte: „Achtung: Hier wohnt ein Egoist!“. Bin ich Egoistin? War ich je Egoistin?
Auf der anderen Seite bin ich extrem empathisch. Ich nehme Schwingungen in Gruppen sehr schnell auf, spüre oft sogar bei fremden Menschen, die ich nur kurz treffe, wie es ihnen geht und kann Leid anderer nur schwer ertragen. Das bedeutet aber nicht, dass ich dadurch meinen Willen oder mein eigenes Wohl aus den Augen verliere. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt. In manchen Situationen kann ich sogar auf andere gefühlskalt wirken, wenn ich Grenzen ziehe. Diese Grenzen ziehe ich jedoch nur zu meinem Selbstschutz. Und das kann unterschiedliche Ausprägungen haben.

Ein einfaches Beispiel ist ein Abendessen mit Freunden in einem schönen Restaurant letztes Wochenende. Ich kenne meinen Körper mittlerweile sehr gut und weiß, dass ich regelmäßig Essen brauche und auch nicht zu lange wach bleiben sollte. Zudem habe ich aktuell leider ein paar Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die Rstaurantbesuche auch nicht unbedingt einfach gestalten. Konkret bedeutete das letzten Samstag, dass ich nach einer dreiviertel Stunde an der Bar des Restaurants auf charmante Weise darauf drängte, nun endlich zum Tisch zu kommen und zu bestellen. Schließlich dauert es ja dann auch wieder eine Weile bis dann überhaupt Essen kommt! 😀 Beim Menü musste ich das Brot wegen Gluten weglassen – also noch später etwas im Magen. Um nicht zuviel Komplexität in den Abend zu bringen schloss ich mich bei der Menüwahl einfach den anderen an – im Wissen über das Risiko, aufgrund einiger Bestandteile in der Nacht und am nächsten Tag körperliche Probleme zu haben.
Ebenso habe ich dann gegen 24 Uhr gemeint, dass ich gerne „so langsam“ heimgehen würde. Auch hier habe ich zwischenzeitlich gelernt, dass Gruppen eher träge sind und man dann meist erst 45-60 Minuten später loskommt. Also rechtzeitig anmelden!
Nüchtern und extrem betrachtet war ich also eine Art „Partysprenger“, der irgendwie Druck in den Abend gebracht hat. Man könnte sagen, dass mein Handeln egoistisch war. In gewisser Weise würde ich das sogar so unterschreiben, da ich meine Bedürfnisse klar geäußert habe und sie letztendlich auch durchgesetzt habe. War das unempathisch? Finde ich nicht! Ich bin mir dessen bewusst, dass so etwas für Gruppen manchmal schwierig sein kann und nicht alle Menschen Verständnis für meine Hochsensibilität aufbringen. Ich versuche immer, so kompatibel und gruppenfreundlich wie möglich zu sein. Zum einen, indem ich die Tatsache meiner Hochsensitivität mit den Menschen in meinem Umfeld offen teile, und zum anderen, indem ich meine Bedürfnisse rechtzeitig kommuniziere und nicht zu spät, wenn das „Kind schon in den Brunnen gefallen ist“ und ich bereits überreizt bin. Also eine Art reflektierter, empathischer Egoismus. Ich nenne das Selbstliebe! 😉

Der Grat zwischen Selbstschutz und Selbstliebe einerseits und toxischem Egoismus andererseits ist schmal. Mein Bild ist, dass diese Gratwanderung jeder Mensch meistern muss, egal ob hochsensibel oder nicht, denn wir sind alle schützenswerte Wesen, die auch und vor allem die Liebe durch uns selbst verdienen.

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